„Höllische Nachbarn“ im Hochschularchiv der RWTH – Das Modul Paläographie

Sig.: 508 b; Vorderseite

Bei unserer Recherche zu einer Anfrage sind wir auf einen außergewöhnlichen Fund gestoßen. Zwischen all den oftmals langweilig wirkenden Sachakten entdeckten wir einen Beschwerdebrief eines damaligen Dozenten an den ehemaligen Rektor Röntgen. Er beschreibt die angeblichen Fantasiegespinste einer Frau aus seiner Nachbarschaft, welche er mit nationalsozialistischem Jargon denunziert. Da uns der Vorfall interessierte, recherchierten wir weiter und fanden den diesem Schreiben vorausgegangenen handschriftlichen Beschwerdebrief eben dieser Nachbarin. Darin beschreibt sie ihre Sicht der Dinge.

Als uns der Brief jedoch in die Hände gefallen ist, konnten wir zunächst kaum ein Wort nach der Kopfzeile entziffern. Während diese noch in den uns bekannten römischen Buchstaben verfasst ist, ist der nachfolgende Text in einer althochdeutschen Schreibschrift verfasst. Hier sieht ein d aus wie ein v, es gibt je nach Position im Wort verschiedene s-Buchstaben, das ch erinnert an ein y – und darüber hinaus haben noch zahlreiche weitere Probleme das Lesen erschwert. Erst durch das Modul Paläographie bei Herrn Graf lüftete sich das Geheimnis um diesen kuriosen Nachbarschaftsstreit.

Hier lernten wir zunächst die zehn goldenen Regeln der Paläographie (unter anderem, dass es sich im Zweifel immer um ein w handelt und man notfalls ein Wort rückwärts zu entziffern versuchen sollte). Dann dröselten wir einzelne gut leserliche Worte und Textzeilen auf und übertrugen jeden Buchstaben auf ein separates Blatt. Auf dieses konnten wir bei schwierigeren Textstellen zurückgreifen. Nach und nach entschlüsselte sich uns so der Brief. Doch bevor Sie unsere Übertragung lesen, versuchen Sie doch einmal selbst, den ein oder anderen Satz zu entschlüsseln! Falls Sie Hilfe dabei brauchen, können Sie folgendes Video anschauen, das von uns Praktikanten zu diesem spannenden und hilfreichen Modul erstellt wurde. Wir sind auf jeden Fall sehr glücklich, das Modul Paläographie mit so einem interessanten Zufallsfund vorstellen zu können.

Nachfolgend finden Sie unsere Transkription des Textes:     Aachen, den 28.5.33. Hochverehrter Herr Prof. Dr. Röntgen,  

Endes-Unterzeichnete erlaubt sich Euer Magnifizenz, folg. zu Ihrer Beurteilung zu unterbreiten:

Sig.: 508 b; Rückseite

Wir bewohnen seit 3 Jahren das Parterre im Hause Rütscherstr. 52. Der Privat Dozent H. Dr. Schröder der techn. Hochschule bewohnt seit 3 Monate [sic!] die 2te Etage desselben Hauses. Das Dienstmädchen des Herrn Dr. Schröder hat die üble Gewohnheit den Mülleimer, der Mittags 12 Uhr geleert wird, entweder in meinen [sic!] Vorgärtchen hineinzuschmeißen, wo frisch alles wächst, oder in den Flur bis Abends spät zu stellen; oft noch den Kindersportwagen dabei. Der Hauseigentümer sowie das Hausgesetz verbieten solches, der Flur muß frei sein. Dem H. Dr. Schröder wurde es mitgeteilt. Er versprach auch Abhülfe, aber trotzdem war es immer dasselbe.

Dieses ist die Grundlage für den folg. großen Streit. Ich nehme an, daß Frau Dr. Schr. mit den Herausforderungen Ihres Dienstmädchens uns gegenüber einverstanden ist, da sie samt Mädchen sogar meine verh. Tochter, die nicht im Hause wohnt, auf der Straße ausgelacht haben; und als meine Tochter sich später darüber beschwerte, wir uns noch Grobheiten mußten sagen lassen.

Am Dienstag Abend, dem 23. d. M. kam es nun zum offenen Streit.

Der Eimer stand bis 6 Uhr Abends in der Straße, wurde dann vom Dienstmädchen in den Flur gestellt. Um 7 Uhr als die Familie der I Et. (?) [sic!] nach Hause kam, von dieser in unsere Schlafzimmer Tür gestellt.

Darauf befahl ich meiner Tochter den Eimer in die Straße zu stoßen. Als gegen 8 Uhr Herr Dr. Schr. mit seiner Familie nach Hause kam, erlaubte sich das Dienstmädchen die Schimpfnamen – „wer hat den Eimer herausgestellt, den ich hereingestellt habe, diese Saubande und s. w.“

Mein Mann öffnete die Küchentür und frug – „gehen diese Schimpfnamen uns an?[“] Herr Dr. Schr. gebot darauf meinem Mann Ruhe, lächerlich in unserer eigenen Wohnung. Dann drehte er sich um, er stand fast in unsere Küche hinein, er hob den schweren Stock, [den] er bei sich führte und wollte mit der Krücke auf meine 33 jähr. Tochter schlagen. Mein Mann suchte den Schlag zurück zu halten mit dem linken Arm und [er] hielt ihn über den Arm ins Gesicht auf das linke Auge, welches noch heute in verschiedenen Farben zu sehen ist. Dann holte er zum 2ten Schlag aus worauf meine Tochter die ernste Situation überblickend 2 kleine allu. Milchkesselchen schnappte, in den Flur schmiß ohne jedoch den H. Dr. zu treffen. Frau Dr. Schr. stand mit dar neben mit dem Riemen des Sportwagens, ebenfalls zum Schlagen bereit. Es folgten dann noch ein[ige] Schimpfereien, und ich schloss unsere Wohnung ab; um alles weitere zu verhüten.

Ich hätte mir gewünscht, Sie hochverehrter Herr hätten diesen Mann gesehen, wie der sich benahm. Ich frage Sie nun: ist das national-akademisch??? Ist das der Erfolg der großen Rede des Herrn Dr. Sch.??

Es ist unerhört, daß sich ein 70 jähr. alter, unbescholtener Mann, der 36 Jahre in Staatsdiensten gestanden und unter eigener Lebensgefahr in der Besatzungszeit dem Staate Dienste geleistet und Inhaber des Verdienstkreuzes I. Kl. ist – sich von einem jungen Mann, muß das Gesicht schänden lassen?? Das hochverehrter Herr nur zur [sic!] Ihrer Kenntnis und Beurteilung.

 Mit vorzügl. Hochachtung Frau Hein. Jansen geb. Louise [Fey/Fich/Fech] Rütscherstr. 52 p.


von Alina Menden und Sarah Schmidtmann

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