Kalenderbild zum August: NS-Fragebogen zur Einstellung von Katharina Ruland als Dozierende

08-SP2-FragebogenDozentenschaft

Signatur: SP2

Bei der Frau, die in einem weißen Kittel auf dem schwarz-weiß Foto in der linken oberen Ecke zu sehen ist, handelt es sich um Katharina Ruland. Sie bewarb sich am 26. Februar 1934 als Dozierende an der RWTH und hat dazu einen entsprechenden Fragebogen ausgefüllt. Die erste Seite des Fragebogens (auf die zweite Seite wird später noch Bezug genommen) ist unser Kalenderbild für den Monat August.

Bereits auf den ersten Blick wird deutlich, dass die erste Seite des Fragebogens in drei Bereiche aufgeteilt ist. Neben dem bereits erwähnten Foto sind im oberen Teil die privaten Daten, sowie solche mit Bezug zur Universität selbst zu finden, während im unteren Teil die bisherige wissenschaftliche Laufbahn beschrieben wird.

Über Katharina Ruland erfahren wir, dass sie am 29. April 1891 in Köln geboren wurde, unverheiratet ist und keine Kinder hat. Sie studierte von 1915 bis 1920 in Bonn, promovierte und hatte im Anschluss daran zwei Assistenzstellen inne. Bei ihrer zweiten Stelle war sie von 1928 bis 1929 in Aachen beschäftigt. Der Fragebogen gibt keine Auskunft darüber, wann Katharina Ruland anfing am Chemischen Institut (Fakultät Stoffwirtschaft) zu arbeiten. Jedenfalls entschloss sie sich, die Dozentenschaft anzustreben und dafür den abgebildeten Fragebogen auszufüllen.

Für sich genommen ist der Fragebogen nichts Besonderes, da sein Verwendungszweck – d. h. die Einstellung als Dozierende – als etwas „Normales“ erscheint. Diese Einschätzung ändert sich aber dramatisch, wenn man den Fragebogen in den zeitlichen Kontext einordnet und zwar zu Beginn der NS-Zeit. Mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 übernahmen die Nationalsozialisten die vollständige Macht über die Weimarer Republik und fingen an diese nach und nach in eine Diktatur zu verwandeln. Ein zentraler Bestandteil dabei war die Unterdrückung bzw. Beseitigung aller Regimefeinde (Parteien, Verbände etc.), sowie unliebsamer bzw. regimekritischer Personen. Gewiss, unmittelbar nach der Machtübernahme übte sich das NS-Regime in Zurückhaltung, um keine außenpolitischen Reaktionen zu provozieren, die die Pläne der Nationalsozialisten vorzeitig vereitelt hätten. Nachdem aber das NS-Regime seine Macht zementiert hatte, wurden Parteien, Verbände und alle regimekritischen Menschen überhaupt immer brutaler und in aller Öffentlichkeit verfolgt. Grundlage für diese Verfolgungen waren häufig Denunziationen aus dem persönlichen Umfeld der verfolgten Personen durch Freunde oder Arbeitskollegen. Auch behördliche Unterlagen wie Personalakten bzw. Fragebögen haben hierbei eine Rolle gespielt. So konnte es sein, dass Angaben zur Staatsangehörigkeit, Religion und Parteizugehörigkeit im schlimmsten Fall über das Leben einer Person entscheiden konnten.

Die Einstellung Katharina Rulands zum NS-Regime lässt sich aufgrund fehlender Informationen nicht eindeutig feststellen. Ihre deutsche Staatsangehörigkeit lässt vermuten, dass es ihr besser erging als anderen gesellschaftlichen Gruppen wie bspw. den Juden. Auf der zweiten Seite des Fragebogens (die hier nicht abgebildet ist) erfahren wir, dass Ruland keine Beziehung zur Jugendbewegung bzw. zur Hitlerjugend oder vergleichbaren Vereinigungen hatte und auch kein Mitglied der NSDAP war. Insofern hat es den Anschein, als ob sie eine „Durchschnitts-Bürgerin“ war. Mit Gewissheit lässt sich dies aber nicht sagen, da sich ihr weiterer Werdegang aufgrund der fehlenden Informationen nicht rekonstruieren lässt. Auch ist – zumindest theoretisch – die Möglichkeit nicht auszuschließen, dass manche Angaben nicht der Wahrheit entsprachen.

Der von ihr ausgefüllte Fragebogen gewährte dem Leser bzw. Betrachter einen guten Eindruck in ein allgegenwärtiges Gefühlszustand der damaligen Zeit: dem Gefühl einer permanenten Unsicherheit, der Angst als Staatsfeind verfolgt zu werden und dem Umstand, dass das eigene Leben u. U. nur von den Buchstaben auf einem Blatt Papier abhängen konnte.

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