Kalenderbild zum August: NS-Fragebogen zur Einstellung von Katharina Ruland als Dozierende

08-SP2-FragebogenDozentenschaft

Signatur: SP2

Bei der Frau, die in einem weißen Kittel auf dem schwarz-weiß Foto in der linken oberen Ecke zu sehen ist, handelt es sich um Katharina Ruland. Sie bewarb sich am 26. Februar 1934 als Dozierende an der RWTH und hat dazu einen entsprechenden Fragebogen ausgefüllt. Die erste Seite des Fragebogens (auf die zweite Seite wird später noch Bezug genommen) ist unser Kalenderbild für den Monat August.

Bereits auf den ersten Blick wird deutlich, dass die erste Seite des Fragebogens in drei Bereiche aufgeteilt ist. Neben dem bereits erwähnten Foto sind im oberen Teil die privaten Daten, sowie solche mit Bezug zur Universität selbst zu finden, während im unteren Teil die bisherige wissenschaftliche Laufbahn beschrieben wird.

Über Katharina Ruland erfahren wir, dass sie am 29. April 1891 in Köln geboren wurde, unverheiratet ist und keine Kinder hat. Sie studierte von 1915 bis 1920 in Bonn, promovierte und hatte im Anschluss daran zwei Assistenzstellen inne. Bei ihrer zweiten Stelle war sie von 1928 bis 1929 in Aachen beschäftigt. Der Fragebogen gibt keine Auskunft darüber, wann Katharina Ruland anfing am Chemischen Institut (Fakultät Stoffwirtschaft) zu arbeiten. Jedenfalls entschloss sie sich, die Dozentenschaft anzustreben und dafür den abgebildeten Fragebogen auszufüllen.

Für sich genommen ist der Fragebogen nichts Besonderes, da sein Verwendungszweck – d. h. die Einstellung als Dozierende – als etwas „Normales“ erscheint. Diese Einschätzung ändert sich aber dramatisch, wenn man den Fragebogen in den zeitlichen Kontext einordnet und zwar zu Beginn der NS-Zeit. Mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 übernahmen die Nationalsozialisten die vollständige Macht über die Weimarer Republik und fingen an diese nach und nach in eine Diktatur zu verwandeln. Ein zentraler Bestandteil dabei war die Unterdrückung bzw. Beseitigung aller Regimefeinde (Parteien, Verbände etc.), sowie unliebsamer bzw. regimekritischer Personen. Gewiss, unmittelbar nach der Machtübernahme übte sich das NS-Regime in Zurückhaltung, um keine außenpolitischen Reaktionen zu provozieren, die die Pläne der Nationalsozialisten vorzeitig vereitelt hätten. Nachdem aber das NS-Regime seine Macht zementiert hatte, wurden Parteien, Verbände und alle regimekritischen Menschen überhaupt immer brutaler und in aller Öffentlichkeit verfolgt. Grundlage für diese Verfolgungen waren häufig Denunziationen aus dem persönlichen Umfeld der verfolgten Personen durch Freunde oder Arbeitskollegen. Auch behördliche Unterlagen wie Personalakten bzw. Fragebögen haben hierbei eine Rolle gespielt. So konnte es sein, dass Angaben zur Staatsangehörigkeit, Religion und Parteizugehörigkeit im schlimmsten Fall über das Leben einer Person entscheiden konnten.

Die Einstellung Katharina Rulands zum NS-Regime lässt sich aufgrund fehlender Informationen nicht eindeutig feststellen. Ihre deutsche Staatsangehörigkeit lässt vermuten, dass es ihr besser erging als anderen gesellschaftlichen Gruppen wie bspw. den Juden. Auf der zweiten Seite des Fragebogens (die hier nicht abgebildet ist) erfahren wir, dass Ruland keine Beziehung zur Jugendbewegung bzw. zur Hitlerjugend oder vergleichbaren Vereinigungen hatte und auch kein Mitglied der NSDAP war. Insofern hat es den Anschein, als ob sie eine „Durchschnitts-Bürgerin“ war. Mit Gewissheit lässt sich dies aber nicht sagen, da sich ihr weiterer Werdegang aufgrund der fehlenden Informationen nicht rekonstruieren lässt. Auch ist – zumindest theoretisch – die Möglichkeit nicht auszuschließen, dass manche Angaben nicht der Wahrheit entsprachen.

Der von ihr ausgefüllte Fragebogen gewährte dem Leser bzw. Betrachter einen guten Eindruck in ein allgegenwärtiges Gefühlszustand der damaligen Zeit: dem Gefühl einer permanenten Unsicherheit, der Angst als Staatsfeind verfolgt zu werden und dem Umstand, dass das eigene Leben u. U. nur von den Buchstaben auf einem Blatt Papier abhängen konnte.

Veröffentlicht unter Kalenderbild | Hinterlasse einen Kommentar

Juli von Kaven

07-34a_Briefkopf

Signatur: Akte 34 a

Das Kalenderbild Juli zeigt einen Brief von dem ehemaligen Direktor August von Kaven an den neu ernannten Ingenieur M. J. Jacobs. Königlich erhebt sich am damaligen offiziellen Briefkopf der Hochschule ein Adler mit weit ausgebreiteten Schwingen, ausgestattet mit den Symbolen der Macht: Krone, Reichsapfel und Zepter. Zum Verständnis hier eine Transkribierung seines Briefes:

Aachen, den 30. Juli 1877

Die Direction der königl. Rhein. Westphäl. Polytechnischen Schule

An den Ingenieur Herrn A(ndreas) J(acobus) Jacobs 

-Hier-

Anbei übersende ich Ihnen mit meinem Glückwunsche das Diplom-Zeugnis.

Zum Gebrauche bei Versendungen von Zeugnissen erhalten Sie eine Anzahl Copien (Kopien) beigefügt.

(Streichung der nächsten vier Zeilen)

Der Director

Gezeichnet: von Kaven

Ad acta (Lat.: Zu den Akten legen)

Zum Zeitpunkt des Briefes war August von Kaven bereits sieben Jahre als Direktor für die Hochschule tätig. Der am 19.03.1927 geborene Bremer wurde am 01.10.1870 zum ordentlichen Professor ernannt und begann 1870 seinen Dienst als erster Direktor der Hochschule. Bis 1879 dauerte seine Dienstzeit an, aber das war nur eine seiner zahlreichen Positionen.

Zum einen war von Kaven an der Fakultät für Bauingenieurwesen angestellt mit dem Schwerpunkt auf dem Lehrgebiet „Wege und Eisenbahnbau“. Außerdem war er als Vorsteher der Fachschule für Ingenieurwesen und Hochbau (1871-1879) und Vorstand der Fachschule für Ingenieurwesen (1879-1882) aktiv. Zudem war er ordentlicher Lehrer für Wege- und Eisenbahnbau und auch Leiter in diesem Bereich für die Modell- und Plansammlung (1871-1891).

Er ist der Namensgeber für den bekannten Kavenring, ein Ehrenring der RWTH. Dieser wird für besondere Verdienste um die Hochschule verliehen. Der Ring trägt eine Gravur an der Innenseite: Von Kaven und Mens Agitat Molem (Lat.: Der Geist bewegt die Materie). Dazu wird dann noch eine Urkunde überreicht. Aber das war nicht das Einzige: Nach ihm wurde auch eine Straße benannt – die Kavenstraße. Diese befindet sich nicht unweit der Studententürme. Und es gibt ein Grabdenkmal auf dem Aachener Westfriedhof, das an ihn erinnert. August von Kaven hat also deutlich seine Spuren in ganz Aachen hinterlassen. Bis zu seinem Tod für die Hochschule tätig, verstarb August von Kaven im Alter von 64 Jahren am 19.05.1891 in Aachen.

image4

Gipsform des Kavenrings

Das Archiv bietet neben diesem Brief von ihm auch Fotos, seine Ernennungsurkunde zum Direktor, Einträge in Vorlesungsverzeichnissen und noch vieles mehr. Wer also auf der Suche nach Informationen zu August von Kaven ist – es lohnt sich reinzuschauen! Unter diesem Link könnt ihr zudem mehr über ihn und seinen Werdegang erfahren.

Veröffentlicht unter Kalenderbild | Hinterlasse einen Kommentar

Wie schnell die Zeit im Archiv doch vergehen kann!

Abschlussbericht

Quelle: https://pixabay.com/de/uhr-taschenuhr-uhrwerk-uhrmacher-3179167/

Entgegen meiner ursprünglichen Erwartung ist meine Zeit im Hochschularchiv sehr schnell vergangen. Ehe ich es überhaupt bemerkt habe, befinde ich mich schon in meiner letzten Praktikumswoche und möchte die Zeit, in der ich diesen Abschlussbericht schreibe, dafür nutzen, um meine Erfahrung noch einmal in Ruhe Revue passieren zu lassen. Dabei komme ich zu dem Schluss, dass meine ursprünglichen Annahmen darüber, wie mein Praktikum verlaufen könnte, und meine Erfahrungen an dessen Ende widersprüchlicher nicht sein könnten.

Als ich mich für einen Praktikumsplatz im Hochschularchiv beworben habe, tat ich dies unter der Annahme, dass die Arbeit nicht sonderlich abwechslungsreich, sondern eher langweilig und eintönig sein würde. Auch die bloße Vorstellung einer Praktikumsdauer von drei Monaten hat – um einmal ganz ehrlich zu sein – nicht wirklich dazu geführt, dass ich meinem ersten Tag im Archiv entgegengefiebert habe. Umso mehr bin ich froh darüber sagen zu können, dass ich mich so sehr getäuscht habe. In den vergangenen drei Monaten hatte ich zahlreiche und z. T. sehr verschiedenartige Aufgaben zu erfüllen. Häufig galt es, immer wieder aufs Neue kreativ zu sein und dabei zugleich einem bestimmten Arbeitsschema zu folgen, um zu einem Ergebnis zu kommen. Insofern war ein langweiliger und eintöniger Arbeitstag undenkbar und meine Annahmen über das Arbeiten im Archiv wurden einer 180-Grad-Wende unterzogen.

Bereits der erste Praktikumstag hielt für mich eine Überraschung bereit: Ich wurde lediglich durch das Archiv geführt und es wurden die ganzen Formalien abgeklärt. So endete der Tag bereits nach 1,5 Stunden. Mal davon abgesehen, dass dieser angenehm kurz war, erhielt ich etwas, was mich zum einen überrascht hat, zum anderen aber auch dahingehend motiviert hat, mich auf meinen ersten „richtigen“ Arbeitstag zu freuen: den Praktikantenleitfaden. Denn bereits ein kurzer Blick auf diesen hatte mir gezeigt, dass ich einiges an Arbeit vor mir hatte und Langeweile ausgeschlossen war.

Im Praktikantenleitfaden ist detailliert aufgelistet, welche obligatorischen Aufgaben ich erledigen und welche Module ich absolvieren muss, um mein Praktikum erfolgreich abzuschließen zu können. So gehören bspw. zu den Pflichtaufgaben das Verzeichnen und Umbetten von Akten sowie das Korrekturlesen der Findbuchdatei. Die Module sollen dem Praktikanten Wissen vermitteln, das für die Arbeit im Archiv unabdingbar ist. Dabei werden manche Module (z. B. Recherchemöglichkeiten und Bewertung) von Herrn Graf, dem Geschäftsführer des Hochschularchives, und andere Module (z. B. Bibliotheksorganisation und Magazine/Registratur) von den Mitarbeitern vermittelt. Ein in diesem Zusammenhang sehr interessanter To-Do-Punkt ist die „alternative Sonderaufgabe“.

Diese wird bei jedem Praktikanten individuell festgelegt, je nach dem was so gerade ansteht. Im meinem Fall bedeutet dies jeden Freitag beim Auf- und Umräumen im Magazin vier mitzuhelfen. Diese Aktion ist Bestandteil einer Inventur, die kurz nach meinem Praktikumsbeginn initiiert wurde. So habe ich – zusammen mit anderen Praktikanten und Mitarbeitern – seitdem jeden Freitag umgebettet, aufgeräumt, Abfall entsorgt und angefangen, die im Zuge der Inventur umgebetteten Akten zu verzeichnen. Nie vergessen werde ich den Anblick, als wir sämtliche kassierten Akten, den Papiermüll und einen Haufen Elektroschrott entsorgt hatten. Der dadurch frei gewordene Platz kann sich im wahrsten Sinne des Wortes sehen lassen. Nur um dies einmal in Zahlen auszudrücken: Wir haben ca. 20 Kubikmeter Abfall entsorgt.

Was ich aber – neben der Arbeit an sich – am besten finde, ist das im Archiv herrschende Arbeitsklima. Gewiss jeder hat seinen eigenen Aufgabenbereich und (Verzeichnis-)Projekte, die er oder sie vorantreibt. Aber an jedem Arbeitstag kam es immer wieder vor, dass man sich zwischendurch mal zusammengesetzt und über alles möglich gequatscht hat – nur nicht über die Arbeit selbst! Der Arbeitsoutput hat darunter nicht gelitten, sodass man am Ende jedes Tages sagen kann: „Wir haben heute was geschafft.“ Ich selbst habe dies sehr genossen und mich auch stets über die mir entgegengebrachte Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit gefreut. Auch die flachen Hierarchien haben dazu beigetragen, dass ich als Praktikant das Gefühl hatte, nicht „für jemanden“ zu arbeiten, sondern vielmehr „mit anderen“. Dadurch hat sich bei mir in kurzer Zeit ein Gemeinschaftsgefühl entwickelt, das der Grund dafür ist, dass sich meine Zeit gefühlt hier so schnell dem Ende zugeneigt hat.

Summa summarum kann ich all denjenigen, die ein Praktikum im Hochschularchiv in Erwägung ziehen, nur versichern, dass sie dies nicht bereuen werden. Ich habe mich vom ersten Tag an sowohl in fachlicher als auch in menschlicher Hinsicht sehr gut aufgehoben gefühlt und hoffe, dass zukünftige Praktikanten die gleichen Erfahrungen wie ich machen können.

Veröffentlicht unter Allgemein, Praktikum | Hinterlasse einen Kommentar

Kalenderbild des Monats Juni

06-34a-UebersichtDiplomHauptpruefung1881Unser Kalenderbild des Monats Juni stellt eine handschriftliche Übersicht der Diplomhauptprüfungen des Jahres 1881 da. Auf den ersten Blick schmückt elegante Schreibschrift das Dokument, auf den zweiten erschwert das die Lektüre. Solche Akten gehören zum Alltag des Archivwesens. Abwechslung im Archivalltag bieten die, von Person zu Person unterschiedlichen, Schreibstile, jedoch bringen diese auch Probleme bei der Transkription mit sich.

Im Juli fand die Prüfungen der Kandidaten statt. Die Tabelle unterteilt sich in Namen der zu „prüfenden Kandidaten“, diese hießen in diesem Fall Seehusen und Matthysen. Ersterer machte seine Prüfung in Bauingenieurswesen und der zweite in Maschinenbau. Die nächste Spalte widmet sich dem „Gegenstand der Diplomprüfung“, diese richteten sich nach dem fachspezifischen Programm und Fächerangebot des Studienjahres 1881. Im Bauingenieurwesen bedeutete dies Baumaterialienlehre, Wasserbau, Brückenbau, praktische und darstellende Geometrie, Eisenbahnbau und höhere Baukonstruktion. Maschinenbau setzte hingegen Wissen über Kinematik, Fabrik-Anlagen, Lokomotiven, Eisenschiffe und Dampfmaschinen voraus. Zuletzt kommen in der Tabelle die Namen der „prüfenden Lehrer“, die Zeit der Ausführung und Art der Prüfung. Diese Übersicht wurde von Professor Gizycki unterzeichnet.

Dieser weitgefasste Anforderungsrahmen verdeutlicht die für damalige Zeiten umfassende Ausbildung und Vorbereitung auf weitreichende Aufgabenstellungen des kommenden Berufslebens. Das Diplomstudium war in den 1880er-Jahren noch eine Seltenheit und versprach Anerkennung sowie einen hohen Stellenwert in der Gesellschaft. Gegenwärtig sind Diplome sogar der weitverbreitetste Bildungsgrad Deutschlands, ihre Erfolgsgeschichte wich jedoch zunehmend einer europaweiten Harmonisierung der Studiengänge. Der 1999 ins Leben gerufene Bologna-Prozess sollte bis 2010 Diplom- und Magister-Studiengänge an das Bachelor- und Master-System angleichen. Die einen schätzen die neu gewonnene Mobilität und Vergleichbarkeit für europäische Studierende, die anderen sehen individuelle akademische Freiheiten gefährdet. Was sind eure Gedanken zu diesem Wandel?

Ihr fragt euch, ob die zu prüfenden Kandidaten die Prüfung bestanden haben? Aus unseren Beständen geht hervor, dass Seehusen mit der Note „gut“ und Matthysen mit „sehr gut“ bestanden haben. Solltet ihr Verwandte haben, deren Abschluss ihr hier vermutet, dann schaut doch gerne mal in unseren Beständen nach oder kommt vorbei. Wir würden uns freuen! (Sig. 34 a)

Veröffentlicht unter Allgemein, Kalenderbild | Hinterlasse einen Kommentar

Kalenderbild Mai: Fremder Blick in bekannte Räume

05-9.3._bb

Sig. Fotosammlung 9.3_bb

Etwas fremd dieser Blick in den Saal des 1925 erbauten Hauses der Studentenschaft in der Turmstraße, welchen unser Kalenderbild für den Mai da bietet. Ein Kronleuchter prangert an der Decke, alle Tische sind weiß gedeckt und vereinzelt mit Blumen dekoriert. Irgendwie scheint es, als könnte man sich dort nicht ohne korrekt angelegtes Jackett oder salonfeines Abendkleidchen blicken lassen. Das Bild selbst stammt aus dem Nachlass des 1949 geborenen Günter Breuer und ist eigentlich eine Postkarte.

Das Haus der Studentenschaft wurde am 07.11.1925 eröffnet, also kurz nach der Gründung des ersten allgemeinen Studentenausschuss 1919 (oder auch bis heute unter dem Namen ‚AStA‘ bekannt), der Öffnung der ersten ‚Mensa academica‘ (damals noch in der Talbothalle) 1920, sowie der Etablierung des ‚Verein Studentenwohl Aachen‘, den man auch gut einen Vorgänger des Studentenwerks nennen kann. Außerdem herrschte 1920 ein nie gekannter Hochstand an Studenten mit 1400 an der Zahl. Heute kaum noch vorstellbar, wo beinahe jeder Hörsaal in den Naturwissenschaften mehr fassen muss, aber damals wird dieser Hochstand die sozialen Ausbauten wohl auch zwingend nötig gemacht haben. Vor allem, wenn man die soziale Not bedenkt, die der erste Weltkrieg (1914-1918) und sein jähes Ende ausgelöst hatte. (Quelle)

Leider weilte das Haus der Studentenschaft nicht lange, denn bereits in den Wirren des zweiten Weltkrieges (1939-1945) wurde es gründlich von Bomben zerstört, wie so viel Wohnraum in dieser Zeit auch. Die Studenten zogen derweil um in einen Hochbunker der Stadt Aachen, wurden aber dazu verpflichtet neue Unterkünfte zu schaffen und bauten das Haus der Studentenschaft wieder auf. Ebenfalls war die Versorgungslage eine gänzlich andere, geradezu katastrophal, was viele ausländische Studenten dazu veranlasste, Lebensmittelspenden an die Kommilitonen nach Deutschland zu senden. (Quelle)

Heute kennt niemand mehr das ‚Haus der Studentenschaft‘, denn es ist viel eher unter dem Namen ‚Studierendenwerk Aachen‘ bekannt und ist ein modernes Dienstleistungsunternehmen für um die 60.000 Studierende, dass sich um Belange wie Essen zu fairen Preisen, günstigen Wohnraum, Bafög und zuverlässige Kinderbetreuung kümmert. Es befindet sich also immer noch im Dienste der Studierendenschaft, entfremdet unseren Blick in den Saal von 1925 aber noch ein Stückchen mehr, wo er doch so wenig mit dem heutigen Anblick gemein hat. (Quelle)

Veröffentlicht unter Allgemein | Hinterlasse einen Kommentar

Kalenderbild zum April: Dörfliches Idyll unter blauem Himmel – Ein Aquarell von Otto Gruber

Friedlich schaut es aus. Die weiße Kirche inmitten des Bildes unter dem großen hellblauen Himmel, den kein Wölkchen trübt. Warme Farben auf sanften Schwüngen, hinter schattenspenden04-Gruber-Aquarellden Bäumen ein paar einzelne Dächer, wie versteckte Rückzugsorte. Man spürt die warmen Sonnenstrahlen förmlich auf der Haut. Das Aquarell verwischt alle harten Konturen. Idyll ziert den Titel schon ganz richtig.

Ganz im Gegenteil zu dem Leben des Malers Otto Gruber. Am 16. Mai 1883 in Offenburg geboren, studierte er an der Technischen Hochschule Karlsruhe und der Technischen Hochschule München Architektur. Nach seiner Diplom-Hauptprüfung 1907 begann er bei Friedrich Ostendorf eine Beamtenlaufbahn als Regierungsbauführer und promovierte 1914. Doch schon brach der erste Weltkrieg an, an dem Gruber als Kriegsfreiwilliger und Offizier teilnahm. Mehrmals wurde er verwundet. 1919 habilitierte er sich und wurde 1920 zum Regierungsbaumeister (Assessor) ernannt. Nachdem er aus dem Staatsdienst ausgeschieden war und einige Zeit als Teilhaber des Architekturbüros Gruber & Gutmann wirkte, wurde er 1921 zum Privatdozenten ernannt und schließlich 1924 zum außerordentlichen Professor berufen. 1928 folgte er einem Ruf an die RWTH Aachen und übernahm dort als ordentlicher Professor den Lehrstuhl für Baukonstruktionslehre, Baugefügelehre und Baustofflehre. Während seiner Zeit an diesem Lehrstuhl, den er bis 1950 leitete, war er außerdem von 1934 bis 1937 Rektor der RWTH, also zu Hochzeiten des Nationalsozialismus.

Seine Rolle im nationalsozialistischen Staat scheint nicht so ganz klar zu sein. Einerseits sprach er sich in seiner Antrittsrede klar für Adolf Hitler aus und besetzte Leitungspositionen mit Nationalsozialisten und Parteimitgliedern. Andererseits jedoch, setzten sich viele seiner späteren Kollegen für ihn ein, als seine Konten gesperrt und er beurlaubt werden sollte und behaupteten, er hätte stets für das Wohl der Studenten gearbeitet und sei gegen seinen Willen in die NSDAP eingetreten. Außerdem bezeichneten sie ihn als unersetzbar und Studenten sowie Lehrende schätzten ihn, wegen seines guten Umgangs mit Menschen und seinen Fähigkeiten als Zeichner.

1950 emeritierte er, wegen eines Herzleidens und starb am 24. Januar 1957 hier in Aachen auch daran.

Wie seine Rolle in der NS-Zeit auch immer gewesen sein mag, mit der in diesem Aquarell dargestellten Idylle hatte Grubers Leben wenig zu tun. Schön, dass er trotzdem solch idyllische Bilder malen konnte.

(Quellen: Bild: 04 Gruber Aquarell aus: Sammlung Gruber; Information: https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Gruber; Akte aus dem Hochschularchiv RWTH (Sig.: 1910))

Veröffentlicht unter Allgemein | Hinterlasse einen Kommentar

Von Schnitzelbildern und Ginkgo-Bäumen – Warum ein Praktikum im Hochschularchiv auch mehr sein kann als die Erfüllung einer Pflichtleistung

Im BA Literatur- und Sprachwissenschaft gibt es zwei große Probleme, denen sich die Studentenschaft zu stellen hat: Einen mindestens 6-wöchigen Auslandsaufenthalt und ein mindestens 5-wöchiges Pflichtpraktikum.

Während mir die Beschaffung des Auslandsaufenthalts wenige Probleme bereitete, denn hier war ich motiviert und interessiert, sah das bei dem Pflichtpraktikum leider anders aus. Wie viele meiner Kommilitonen fragte ich mich beinahe ständig: „Was soll ich machen?“ Die Vorlesung der Berufsperspektiven verschaffte mir da auch nur wenig Abhilfe. Ich kannte nun zwar einige Berufe ganz grob im Profil, aber irgendwie blieben sie damit auch so vielsagend nichtssagend, wie die große Masse an sich auch. Auf der einen Seite drückte mich also die graue Masse, auf die ich so gar keine Lust hatte und auf der anderen Seite die Zeit, die mir durch die Finger ran, wie feiner Sand.

Abhilfe verschaffte mir eine liebe Kommilitonin, die mir dann das Praktikum im Hochschularchiv empfahl. Sie sagte mir, es wäre ganz interessant, die Leute wären nett und es wäre so nahe am Theater ganz gut erreichbar. Nachdem ich den Schock verdaut hatte, dass die RWTH ein eigenes Archiv hat, von dem ich noch nie zuvor etwas gehört hatte, zuckte ich unentschlossen die Schultern. „Was macht man denn so im Archiv?“ Ich wusste es nicht. Darüber war sogar die Berufsperspektiven-Vorlesung ausgefallen. Ihre Augen begannen zu glänzen und sie erzählte mir wunderbare Geschichten. Von mir erntete sie nur ein unsicheres Lächeln. Ich glaubte ihr nicht so ganz, aber ihr Eifer überzeugte mich irgendwie. Ein Praktikum im Hochschularchiv also!

Was kann man dazu sagen, was meine Vorgänger/innen nicht schon gesagt haben? Entscheidet ihr euch für ein Praktikum im Archiv, erwartet euch viel – und noch viel mehr! Es gibt eher handwerkliche Aufgaben, wie das Umbetten, wo ihr alte Akten mit liebevoller Sorgfalt auf nicht mehr und nicht weniger, als ihre Lagerung bis in alle Ewigkeit vorbereitet. Dann gibt es eher bürokratische Aufgaben, wie das Verzeichnen, bei der Akten in die Datenbanken eingetragen werden, um den Zugriff zu ermöglichen. Außerdem könnt ihr euch in der Öffentlichkeitsarbeit versuchen, wenn ihr Bilderfreitage und Kalenderbilder vorbereitet und später im Internet einstellt.

Und damit ist nur das täglich Brot genannt! Immer wieder kommen Anfragen rein, die euer ganzes detektivisches Geschick fordern können. Menschen brauchen eure Hilfe, Akten über Verwandte zu finden, suchen nach Gebäuden, die längst nicht mehr stehen oder wühlen sich mit euch durch die skandalöse Geschichte so manches ehemaligen RWTH-Mitglieds. Und habt ihr euch jemals Gedanken über den Ginkgo-Baum gemacht, der vor dem Super C steht?

Dabei arbeitet ihr selbstständig, aber nicht alleingelassen. Mit kompetenter Selbstverständlichkeit bekommt ihr den theoretischen Hintergrund, den ihr braucht und den, den ihr nie geglaubt habt zu brauchen, aber dann doch braucht. Macht eine Reise durch die Wunder der (gratis) Informationsbeschaffung, denkt euch den Kopf wund über einem Zettel, der mit noch etwas schlimmerem beschrieben ist, als es meine Handschrift jemals sein könnte (und seid danach auch noch stolz!) oder sprecht mit Herrn Graf über die Grenzen des Urheberrechts und wie ihr eure nächste Präsentation mit Schnitzelbildern ausschmücken könnt, ohne auch nur die geringsten Probleme zu bekommen. Zudem unterstützt euch ein wirklich nettes Team, das ihr jederzeit auch mit den dümmsten Fragen löchern könnt, ohne dass sie euch böse sind. Wisst ihr dann doch nicht weiter oder seid einfach nicht so sozial unterwegs? Kein Problem, denn es gibt auch Anleitungen, die von anderen Praktikanten erstellt wurden und werden und die deshalb meist gut verständlich sind.

Ja, ihr habt richtig gehört! Ihr macht Sachen, die andere auch nach euch noch benutzen. Dabei geht es beileibe nicht nur um Anleitungen. Vom ersten Tag an, hinterlasst ihr Spuren im Archiv, denn von da an seid ihr Teil des Teams und übernehmt als solcher wichtige Aufgaben.

Mir hat es am Ende sehr viel Spaß gemacht und ich bin glücklich, das Praktikum angetreten zu sein. Der Teil aus der grauen Masse, der sich ‚Archivwesen‘ nennt ist um so vieles bunter geworden und ich fühle mich, als hätte ich ein wirklich gutes Bild von der Arbeit eines Archivars bekommen. Ein klareres Bild jedenfalls, als mir eigenständige Recherche im Internet oder diverse Vorlesungen hätten liefern können…

Die Arbeitsatmosphäre hat mich ebenfalls überzeugt, das Praktikum am Hochschularchiv der RWTH weiterzuempfehlen. Man ist eben nicht einfach der blöde nervige Praktikant, der an irgendeinen Tisch gesetzt wird und eine Aufgabe bearbeiten darf, die sonst keiner machen will, sondern man ist Teil des Teams und bekommt eher noch die interessantesten Aufgaben zugeschoben, weil man daran gut lernen kann.

Aber wieso kommt ihr nicht und schaut selbst? Es ist sicher keine verschwendete Zeit!

Veröffentlicht unter Allgemein, Praktikum | Hinterlasse einen Kommentar

Praktikum in einer Zeitmaschine

Mitten in meinem Studium, es war das fünfte Semester, besuchte ich eine Vorlesung über „Geschichtliche Grundbegriffe“. Ich müsste lügen, wenn ich behaupte, dass der Titel dieser Veranstaltung sofort meine Aufmerksamkeit und meine Begeisterung hatte. Ich rechnete mit einer drögen und mit theoretischen Begrifflichkeiten überfrachteten Veranstaltung. Doch kam es glücklicherweise anders. Wer an Archive denkt, mag ein Bild mit staubigen Akten und mit Regalreihen, in denen sich allerhand Archivalien stapeln, im Kopf haben. Sicherlich mag da etwas dran sein, jedoch sind Archive darüber hinaus etwas, was es sonst nur in Romanen und Filmen gibt: Zeitmaschinen! Denn – wie ich in der anfangs erwähnten Vorlesung erfuhr – entscheiden Archive darüber, was an Vergangenheiten zukünftige Benutzer in einem Archiv vorfinden werden.

time-machine-2730490_1920

Zu meinem Praktikum im Hochschularchiv der RWTH gehörte ein gut strukturierter und organisierter Modulplan. Verschiedene und abwechslungsreiche Aufgaben, die von dem Praktikanten absolviert werden, eröffnen einen guten Einblick was es heißt, in einer – um auf den vorherigen Abschnitt zurückzukommen – Zeitmaschine zu arbeiten. So besteht eine Aufgabe darin, Akten danach zu bewerten, ob sie überlieferungswürdig sind oder kassiert (d. h. vernichtet) werden können. So wird entschieden, welche Akten zukünftige Benutzer zur Verfügung haben werden und vielleicht sogar im Rahmen wissenschaftlicher Forschungsarbeiten verwenden werden.

Des Weiteren gehört die Sorge um die adäquate Aufbewahrung der Archivalien zur alltäglichen Aufgabe eines Archivmitarbeiters. Akten müssen in spezielle Pappordner umgebettet und von Plastik sowie rostanfälligem Material wie z. B. Tacker- und Büroklammern befreit werden. Mit einer fachgerechten Software werden dann Akten verzeichnet und in die Online-Findbücher eingespeist. Beim Verzeichnen werden u. a. – je nach Archivale – Angaben zum Verfasser, zur Entstehungszeit und zum Inhalt gemacht. Freilich erhält jede Archivale eine eigene Signatur, um sie in den Magazinen auffinden zu können. Was ein wenig banal und manchmal in der Tat etwas eintönig sein kann, ist allerdings von großer Wichtigkeit. Was nützen Regale voller Archivgut, wenn nicht zügig eine bestimmte Akte aufgefunden und einem Nutzer bereitgestellt werden kann, da Akten schlampig oder schlimmstenfalls nicht verzeichnet worden sind? Bestandserhaltung und sorgsames Verzeichnen ermöglichen also, dass auch zukünftige Generationen ihre Fragen an das Archivgut herantragen können.

Mehrfach wurde er schon erwähnt: Der Benutzer. Nicht zuletzt ihm soll ein Archiv von Nutzen und ihm bei seiner Anfrage behilflich sein. Selbstverständlich gehören die Beantwortung von Anfragen und die dazu gehörige Recherche auch zur Aufgabe des Praktikanten. Hierbei zeigen sich gut sortierte Magazine und sorgfältige Verzeichnisse von Vorteil, um effektiv eine Anfrage beantworten zu können. Nichtsdestotrotz erfordert die Recherche manchmal eine gewisse Hartnäckigkeit, da bisweilen das Durchprobieren verschiedener Suchbegriffe erforderlich ist, bis die vom Nutzer nachgefragten Archivalien gefunden sind. Umso größer fällt aber dann die Freude aus, die Anfrage nach längerer Recherche positiv beantworten zu können. Meistens bedankt sich auch der Anfragensteller und dann kann es sogar vorkommen, dass das Archiv in einer Publikation erwähnt wird, für welche es Archivalien bereitgestellt hat.

Von den unterschiedlichen Aufgaben im Archivalltag sei zu guter Letzt noch die aktive Öffentlichkeitsarbeit erwähnt. Damit die Archivalien, die nicht gleich für eine Anfrage benötigt werden, nicht versauern, zeigt das Hochschularchiv der RWTH z. B. jeden Freitag auf Facebook und Google+ Archivgut aus seinen Beständen. Das Recherchieren nach interessanten Archivalien und das Schreiben passender Texten hat mir besonders viel Freude bereitet. Und bei jedem dieser „Bilderfreitage“ gelangt ein kleines Stück Vergangenheit in die Gegenwart einer Zukunft.

Veröffentlicht unter Praktikum | Hinterlasse einen Kommentar

Kalenderbild März: Rein in die Schulden – raus aus den Schulden

Das Kalenderbild für den Monat März zeigt eine Staatsanleihe des Deutschen Reichs aus dem Jahre 1916. Auf dem kunstvoll gestalteten Wertpapier ist oben links der Reichsadler zu sehen, daneben der Titel „Anleihe des Deutschen Reichs“. Des Weiteren behütet die Germania, welche in der linken Spalte mit Schwert und Schild zu sehen ist, die Anleihe. Die Germania gilt als Verkörperung Deutschlands, deren Sinngehalt variierte. Zur Zeit des 1. Weltkrieges dürfte der nationalistische und kriegerische Aspekt dominiert haben.

Sig. 1231

Sig. 1231

Der Wert der Anleihe beträgt 100 Mark, ein damals nicht unerheblicher Betrag, schließlich entsprach dies in etwa dem Monatslohn eines Facharbeiters. Dabei waren 100 Mark noch der geringste Wert, mit dem solch eine Anleihe herausgegeben wurde. Die hier gezeigte Anleihe lässt noch nicht erkennen, wofür der Staat das Geld benötigte. Es liegt freilich auf der Hand, dass mit den Wertpapieren der Krieg, der in Europa wütete und in verheerende Material- und Menschenschlachten mündete, mitfinanziert werden sollte. Da Deutschland isoliert dastand und keinen Zugang zu den internationalen Kapitalmärkten hatte, musste aus anderen Quellen Geld in die Staatskasse gespült werden. Freilich hätte man die Bürger durch Steuererhöhungen direkt verstärkt zur Kasse bitten können. Doch hätte dies – mitten im Weltkrieg – wohl nur zu Unmut in der Bevölkerung geführt. Daher bot man der Bevölkerung – und eben nicht nur der Mittel- und Oberschicht, sondern auch der Arbeiterklasse – an, eine Anleihe zu erwerben, die Gewinn abzuwerfen versprach. Der Zinssatz der hier abgebildeten Schuldverschreibung schlägt nämlich – aus heutiger Sicht – mit sagenhaften 5 % zu Buche, der dem Inhaber halbjährlich jeweils am 2. Januar und am 1. Juli auf Zinsscheinen gutgeschrieben wurde. Doch ist Vorsicht im Umgang mit diesem Dokument geboten: Wer schlampig mit dem Zinsschein umging, sodass etwa eine Ecke verloren ging, verlor die Gültigkeit seines Scheins.

Wie stand es nun um die Gewinnaussichten? Wer sich eine üppige und rasche Rendite versprach, der täuschte sich jedoch darüber hinweg, dass der Inhaber einer solchen Schuldverschreibung diese nicht einfach kündigen konnte. Das Deutsche Reich behielt sich nämlich vor, die hier erwähnte Anleihe frühestens zum 1. Oktober 1924 zu kündigen. Mit Blick auf die Reparationsleistungen nach dem gegen Frankreich gewonnen Krieg von 1870/71 erhoffte man sich aber, die Anleihen mit ebensolchen Leistungen nach einem siegreichen Krieg wieder ausgleichen zu können. Als schließlich der ersehnte Sieg ausblieb und Deutschland nun seinerseits Reparationen leisten musste und zur Finanzierung des sogenannten „Ruhrkampfes“, in welchem belgische und französische Truppen wegen unzureichender Zahlung das Ruhrgebiet besetzten, ließ der deutsche Staat immer mehr Geld drucken, bis es zur Hyperinflation von 1923 kam. Da das Geld nichts mehr wert war, war der Staat zwar seine Schulden los, doch das Geld der Inhaber von Anleihen wertlos. Erst durch die Beendigung des Ruhrkampfs und die Einführung der Rentenmark 1923 durch Gustav Stresemann stabilisierte sich die deutsche Wirtschaft. Immerhin wurden Anleihen vor dem 1. Juli 1920 mit neuen Anleihen aus der Anleiheablösungsschuld von 1925 ausgeglichen.

Internetquellen: Christen, Peter: Deutsches Finanzministerium lässt einzigartige Dokumente deutscher Wirtschaftsgeschichte in London versteigern.

Veröffentlicht unter Kalenderbild | Hinterlasse einen Kommentar

Kalenderbild Februar: Wer ist der Mann neben dem Eisbären?

Das Kalenderbild für den Monat Februar zeigt einen Eisbären neben einem Mann im Trenchcoat. Gut, sofern Eisbären nicht plötzlich kalte Tatzen bekommen haben und daher dazu übergangen sind, Schuhe zu tragen und auf zwei Beinen zu gehen, handelt es sich bei dem vermeintlichen Eisbären offensichtlich um einen Menschen im Kostüm. Doch die viel spannendere Frage lautet, wer ist der Herr neben dem pelzigen Gesellen?

02-9.4.3_f

Sig. 9.4.3

Um den Herren auf dem Foto handelt es sich um keinen Geringeren als den Mathematiker Herrn Prof. Dr. Reutter. Reutter wurde am 26.08.1911 in Karlsruhe geboren und verstarb ebendort am 28.08.1990. 1953 auf den Lehrstuhl für Mathematik, insbesondere Darstellende Geometrie, an der RWTH Aachen berufen, verübte er dort einen großen Teil seiner Zeit als Hochschullehrer (1953–1979). Sein Wissen über viele Disziplinen innerhalb der Mathematik fand bei seinen Kollegen große Anerkennung.

Dass das damals noch recht junge Studienfach namens „Informatik“ 1971 als Nebenfach für den Diplomstudiengang Mathematik an der Universität Aachen belegt werden konnte und schließlich schon zum Wintersemester 1972/73 zum eigenständigen Diplomstudiengang mit 76 Studienanfängern innerhalb der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät avancierte, ist nicht zuletzt das Verdienst dieses Hochschullehrers. Freilich wäre das ohne die Unterstützung von den Professoren der benachbarten Studiengänge nicht möglich gewesen. Von 1965–1970 übernahm Prof. Dr. Reutter zudem die Leitung des Rechenzentrums.

Kurz nach dem 70. Geburtstag des Mathematikers verlieh ihm die RWTH Aachen die akademische Würde eines Ehrensenators, wie aus dem Schreiben des damaligen Rektors (Sig. 12083) zu entnehmen ist:

„Rektor und Senat der Rheinisch-Westfälisch Technischen Hochschule Aachen haben auf Beschluß des Senats Herrn Professor Dr. rer. techn. Fritz Reutter aus Aachen in Anerkennung seiner großen Verdienste um Erhalt, Konsolidierung und Ausbau des Instituts für Geometrie und Praktische Mathematik, um die Leitung des Rechenzentrums sowie insbesondere um die Hochschulselbstverwaltung und damit um die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen die Würde eines Ehrensenators verliehen.“

In seiner Rede zur Ernennung zum Ehrensenator ermutigt er u. a. Absolventen, sich nicht allzu sehr in Sorgen zu verlieren, keinen angemessenen Arbeitsplatz zu finden.

„Heute erscheinen die Aussichten für die Zukunft vielen wieder getrübt. Die Ungewissheit, wie sich bevorstehende Strukturänderungen an den Hochschulen auswirken, die finanziellen und personellen Restriktionen, die Sorge nach Abschluss des Studiums, keinen befriedigenden Arbeitsplatz zu bekommen, gehören zu den Anlässen für die Sorgen. Wenn ich an 1945 zurückdenke, wo es ungleich viel größere Schwierigkeiten gab, dann bestünde eigentlich kein Grund zu Pessimismus, wenn der Wille und die Einsatzbereitschaft bei allen Beteiligten sich mit damals messen kann.“ (Sig. 12083. S. 5).

Angesichts der Bologna-Reform mit der Einführung der Bachelor- und Master-Studiengänge kommt seinen Worten nach wie vor Aktualität zu, wenn er davor warnt, dass „man [nur] nicht versuchen [darf], den Freiraum für eigenverantwortliches Handeln durch zu viele Regeln soweit einzuschränken, dass der Mut zur Eigeninitiative (ohne die wissenschaftliches Leben nicht denkbar ist) ganz unterdrückt wird.“ (Sig. 12083. S. 5).

Reutter genoss bei seinen Kollegen hohes Vertrauen und war dazu in der Lage, im Falle von Konflikten zu einem für alle Beteiligten guten Ausgleich zu kommen. So verwundert es nicht, dass er auch ein Herz für Eisbären hatte. Mit welchem Anliegen konnte Reutter ihm wohl behilflich sein?

Veröffentlicht unter Kalenderbild | Hinterlasse einen Kommentar