Studentenverbindung Pomerania

Unser Archivar, Herr Dr. Klaus Graf, kam vor einiger Zeit in den Besitz von dem leicht abgegriffenen braunen Fotoalbum, welches ich beim Schreiben gerade vor mir liegen habe. Er hatte es auf einem Flohmarkt gekauft. Beim ersten Hinschauen war ich ein wenig verwirrt, was dieses Exemplar denn nun mit der Hochschule zu tun haben könnte. Doch man muss wohl Henri Cartier-Bresson immer rechtgeben wenn er schreibt: „Ein gutes Foto ist ein Foto, auf das man länger als eine Sekunde schaut.“ Denn beim zweiten Hinsehen wurde mir der wahre Wert des Fotoalbums bewusst.

Der Besitzer dieses Fotoalbums, wie ein Blick auf die Rückseite eines seiner Portraits verrät, heißt Kurt Grünwald. Im Fotoalbum selber befindet sich keine Auskunft über seine Geburts- und Sterbedaten. Dafür mussten wir das Essener Stadtarchiv bemühen. Kurt Grünwald war der Sohn von Paul Grünwald, ein Abteilungsvorsteher bei der Firma Krupp. Er wurde am 3.10.1909 in Essen geboren und hat im Jahr 1928 seine Abiturprüfung in der Krupp-Oberrealschule in Essen abgelegt. Er kehrte ihm Jahre 1939 mit dem Titel des Diplomingenieurs wieder nach Essen zurück. Verstorben ist Kurt Grünwald am 09.06.1976 in Melle (Niedersachsen).  Außerdem schickte das Stadtarchiv Essen uns eine Fotografie zum Abgleich mit dem Fotoalbum. Durch den Bildabgleich konnten wir verifizieren, dass der Kurt Grünwald, den uns das Stadtarchiv Essen beschrieb auch wirklich die Person aus dem Fotoalbum ist.

Das Stadtarchiv Essen, für deren Mithilfe wir uns hiermit herzlich bedanken wollen, hat also schon einige Informationen für uns bereitgestellt. Doch erst ein Blick in die einzelnen Seiten des Fotoalbums füllen die bloßen Eckdaten seines Lebens mit Geschichten.

Grob lässt sich das Fotoalbum in 3 Themenbereiche gliedern: Vor dem Eintritt in die Studentenverbindung, nach Eintritt in die Studentenverbindung Landsmannschaft „Pomerania“ und ein Sammelsurium an unterschiedlichen Werken am Ende des Fotoalbums.

Kurt Grünwald begann sein Studium im Jahre 1929 in Aachen und trat zuerst der Landsmannschaft „Pomerania“ bei. Über die Landsmannschaft „Pomerania“ ist bekannt, dass sie am 09.11.1792 an der Universität Halle an der Saale von Studenten aus Pommern gegründet wurde. Der Name „Pomerania“ lässt sich vom Namen der Gründungsstadt der Pommern ableiten. Laut Unterlagen der Universität Halle traten bereits 1717 Studenten aus Pommern in Halle der „Pomerania“ bei, somit zählt die Landsmannschaft „Pomerania“ zu eine der ältesten Studentenverbindungen in Deutschland. Die pommerschen Landesfarben himmelblau-weiß wurden zu den Farben der Verbindung, wobei schwarz als Symbol der lebenslangen Freundschaft bis zum Tode hinzugefügt wurde.

Jene Aachener Pomerania, so wie wir sie heute kennen, hat ihren Ursprung in zwei verschiedenen Studentenverbindungen desselben Namens.
Die erste Pomerania wurde in Halle am 9.11.1792 gegründet und hatte dort ihren Sitz bis zur zwangsweisen Auflösung. Die zweite Pomerania wurde in Wismar am Polytechnikum  gegründet (12.5.1920). Diese siedelte nach Aachen über und bildeten zunächst die Freie akademische Verbindung Pomerania.

Diese (erste) Aachener Pomerania wurde Mitglied der DL (Deutsche Landsmannschaft) 1924-26. Da man in Aachen nur eine kleine Altherrenschaft hatte, war die Anschaffung/Unterhaltung eines Hauses nicht möglich. Stattdessen wurden wechselnde Kneiplokale belegt. Das kann man auch gut am Fotoalbum nachvollziehen. Viele der Versammlungen fanden an den unterschiedlichsten Orten statt.
In der Zeit des Nationalsozialismus kam das Verbindungswesen in ganz Deutschland unter die Räder und die Pomerania in Aachen als auch in Halle, die bis dahin zwei getrennte Verbindungen in der DL waren, wurden suspendiert.

Nach dem Krieg rekonstituieren sich beide Verbindungen. 1952 kam es dann zur Vereinigung beider Verbindungen aus der die heutige Aachener Pomerania hervorgegangen ist, und die sich auf Alte Herren aus beiden Verbindungen stützt. Insofern findet sich im heutigen Wappen sowohl der Wahlspruch der alten Pomerania Halle als auch der alten Pomerania Aachen. Ebenso ist im Wappen ein Teil des Stadtwappens von Aachen als auch von Halle zu sehen.
Seit 1961 besitzt die Pomerania auch ein Haus in der Turmstraße 4, welches zentral zur RWTH liegt.

Mit der Landsmannschaft feierte Kurt Grünwald ein Karnevalsfest, verbrachte mit ihr einen Mensurtag in Mausbach und besuchte den Pelzerturm, wie die Fotos dokumentieren. Auch der Besuch einer Vorlesung bei Professor Benrath für anorganische und Elektrochemie, der auch Direktor eines Laboratoriums war, ist auf einem der Fotos zu sehen. Zudem scheint Grünwald Freunde in den Mitgliedern der „Pomerania“ gefunden zu haben. – So fanden wiederholte Grenzlandfahrten zwischen 1929 und 1931 von Eupen nach Malmedy statt. An diesen nahmen auch die „Pommerdamen“, die Diplomingenieure Lehning und Schmidt teil. Zudem besuchte die „Pomerania“ eine Weihnachtskneipe und einen Exbummel in Derichsweiler. Im Jahre 1931 schloss sich eine Grenzlandfahrt nach Monschau an. Auch mit sportlichen Erfolgen beispielsweise beim Faustball, wo sie den 2. Platz belegten, konnten sie überzeugen. Vom 03. bis zum 05.07.1931 fand das 12. Stiftungsfest der Landsmannschaft „Pomerania“ in Aachen statt. Und auch die Damen kamen nicht zu kurz, wie Bilder vom Begrüßungsabend und dem Frühschoppen in Kornelimünster belegen. Am Ende des Fotoalbums wird zudem eine Exkursion im Jahre 1935 nach Bochum, Hamborn, Haspe, Soest abgebildet. Aber auch der Nationalsozialismus, der zunehmend Einzug in Aachen hielt, wird dokumentiert.

Wie die Bilder im Fotoalbum belegen, handelt es sich bei der „Pomerania“ um eine Studentenverbindung, die, wie auch anderen Studentenverbindungen, den Studierenden eine Möglichkeit für gemeinsame Aktivitäten bot und auch heute noch bietet.

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