Freiwillig acht Wochen im Archiv verbringen?

Neues Dokument 2018-12-07 15.16.14_1Nazi-Akten mit Teilnehmerbogen zum Reichsparteitag, Prozessakten zum Schmuggel unter Studenten oder Stundenpläne aus dem 19. Jahrhundert – dies sind nur ein paar Beispiele für die breitgefächerte Aktenbestand des Hochschularchivs der RWTH.

Mich hat immer gestört, dass in der Schule der Geschichtsunterricht ausschließlich mit dem Fokus auf ganz Deutschland stattfand. Bei mir kamen aber oft Fragen zur regionalen Geschichte auf: Wie haben sich die beiden Weltkriege auf Aachen ausgewirkt? War die RWTH nationalsozialistisch? Und wie sah das mit den ersten Frauen an der RWTH aus? Und genau zu solchen Fragen findet man hier im Archiv die Antworten. Wissenschaftler und Privatpersonen senden die unterschiedlichsten Anfragen, die ich als Praktikant schnell selbstständig bearbeiten darf. Wie ein Detektiv sucht man dann nach Stichworten, die zur Anfrage passen könnten und stöbert in Akten und Büchern. Denn entgegen meiner Erwartungen ist dies kein staubiges Museum! Die Akten, seien sie auch noch so alt und fragil, darf ein Praktikant, übrigens auch ein Besucher, anfassen und lesen.

Nach einem Praktikum im Hochschularchiv kann ich nun behaupten, Matrikelbücher von 1871 und Dokumente aus den beiden Weltkriegen in der Hand gehalten zu haben. Unterlagen, die die meisten nur als Fotos aus Geschichtsbüchern kennen!

Beim Umbetten von Akten, d.h. deren Überführung in einen archivgerechten Zustand, und durch die Beantwortung von Anfragen habe ich Dokumente gefunden, die mich zur weiteren Recherche im Rahmen unserer „Bilderfreitage“ inspiriert haben. Nun weiß ich beispielsweise nach einer Recherche zu einer Wettbewerbszeichnung des Elisenbrunnens, dass diese Sehenswürdigkeit, an der ich als Aachenerin andauernd vorbeilaufe, nicht das Original, sondern eine Rekonstruktion nach dem Zweiten Weltkrieg ist!

Die Mitarbeiter trauten mir zahlreiche Aufgaben zu und halten sich als Helfer, Berater und Korrekturleser bereit. In Modulen mit ihnen und dem Archivar, Herrn Graf, werden die nötigen Kompetenzen der Archivarbeit gelehrt. Nun fragen sich die meisten wohl: Wozu, wenn ich doch gar kein Archivar werden will? Natürlich werde ich mein Wissen, wie ich eine Akte für die Aufbewahrung bis in die Ewigkeit vorbereite, höchstwahrscheinlich nicht im Alltag benötigen. Dafür werden mir aber meine hier erlernten oder vertieften Kompetenzen bezogen auf Recherchemöglichkeiten und Urheberrecht bestimmt im Studium noch weiterhelfen! Darüber hinaus, hätte ich nie gedacht, dass ich einmal fähig wäre, die Schrift aus dem 16. Jahrhundert entziffern zu können. Aber genau dies habe ich im Paläographie-Modul erlernt.

Wer also einfach nur seinen Horizont erweitern möchte und geschichtliches Interesse mitbringt, wird das Praktikum ebenso wertschätzen wie ein Student, der auf der Suche nach einem Pflichtpraktikum ist! Die angenehme Atmosphäre und der seltene Umgang mit Praktikanten, diese nicht als Last, sondern vielmehr als kompetente Aushilfe wahrzunehmen, führen nun dazu, dass es mir schwerfällt, zu gehen.

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