Kalenderbild Mai: Studierende 1872

Die erste studentische Vereinigung an der RWTH, die neben wissenschaftlichen und geselligen Zwecken auch der allgemeinen Vertretung der Studenten dienen sollte, war der 1871 gegründete ‘Aachener Polytechniker Verein’. Das Bild zeigt den Umschlag einer Veröffentlichung über das zweite Stiftungsfest dieses Vereins am 6. Dezember 1872. Das beinahe 140 Jahre alte Heft gibt einen Einblick in das Studentenleben der ersten Aachener Ingenieure. A34_97 Zunächst beschreibt es in Details den Ablauf des Stiftungsfestes und die geladene Gesellschaft. Es wurden alle Lehrer der Polytechnischen Schule (also der RWTH) geladen, die Ehrenmitglieder des Vereins und es gingen sogar Einladungen an die Oberpräsidenten von Kühlwetter und von Bardleben. Gefeiert wurde ab 7.45 Uhr in Bernarts Local  am Markt mit anschließendem Kommers bei Herpers. Neben einem feierlichen Menü mit Festreden, Toasts und dem Verlesen der eingegangenen Briefen der geladenen Oberpräsidenten, die sich entschuldigten, gab es auch musikalische Einlagen und einen Auftritt der chinesischen Burleske Tu-Ta-Tu. So wurde bis zu den frühen Morgenstunden gefeiert, “vermisst wurde nur bei den Aufführungen einige Fertigkeit im Gesange [...].” (S. 23, Schlusswort der Redaction)

Der Quellenwert des Heftes ist aber sehr viel größer, da es nicht nur Rückschlüsse auf die Fest- bzw. Trinkkultur der Vereinigung gibt, sondern innerhalb der Reden und Vorträge auch andere Aspekte des Studentenlebens angesprochen werden. Beispielsweise ist der Rede des Rektors von Kaven zu entnehmen, dass die Eltern der frühen Studierenden nicht selten den Kontakt zu ihm suchten, um über die Möglichkeiten und Zukunftsperspektiven der Schützlinge zu verhandeln:

“Ich habe oft die ausführlichsten Correspondenzen mit Ihren besorgten Vätern und auch Müttern, und nicht selten kommen Ihre Väter, die ihren Söhnen nicht überall trauen, persönlich zu mir, um meinen Rath zu hören und mich zu fragen, was wohl aus Einem von Ihnen werden könne, und welches wohl das Fach sei, in welchem man am leichtesten und schnellsten ein ausgezeichneter Mann werde.” (S. 7)

Hier fungiert der Rektor noch persönlich als Studienberatung. Aus derselben Rede wird zusätzlich ersichtlich, wie ein Bewerber auf seine Vorkenntnisse geprüft wurde, um ihn den richtigen Kursen zuzuordnen. Nicht selten prüften die Professoren die Bewerber kurz mündlich und konnten die Studenten für ihre Kurse persönlich auswählen. So kann man dem 28-seitigen Text einiges Interessantes entnehmen, nicht nur in Hinblick auf die Studentenverbindungen, sondern zwischen den Zeilen auch auf das erste Jahr der Studenten am Aachener Polytechnikum.

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