Upgrade Bestandserhaltung – Schnupperpraktikum bei einer Restauratorin

Als Hochschularchiv, das sich die dauerhafte Anstellung eines Restaurators nicht leisten kann, waren wir mit dem Bereich Bestandserhaltung im Wesentlichen überfordert. Nicht nur, dass die Lektüre von Arbeiten zu Bestandserhaltungsfragen äußerst kompliziert ist und viel Vorwissen erfordert, die Literatur widerspricht sich auch in wesentlichen Bereichen. Woher soll dann der Laie wissen, welche Lösung nun auf sein Problem zutrifft? Sinnvolle Anhaltspunkte bietet hier übrigens die Veröffentlichung „Bestandserhaltung. Ein Ratgeber für Verwaltung, Archive und Bibliotheken“ von Maria Kobold und Jana Moczarski. Dieser Ratgeber präsentiert praktische und auch umsetzbare Lösungen. Nichtsdestotrotz durfte ich, als Beauftragte für die Bestandserhaltung, ein dreitägiges Praktikum bei der Restauratorin, Katharina Kleine, Angestellte im Stadtarchiv Aachen machen, die mir mit aller Herzlichkeit und der ihr verfügbaren Zeit in ihr Metier Einblick gab. Die Ergebnisse dieses Kurzzeitpraktikums sollen hier präsentiert werden – für alle Archive, die vor gleichen Problemen stehen wie wir, auch wenn ich ein eigenes Praktikum in einer Restaurationswerkstatt (spezialisiert auf Archivmaterial) nur empfehlen kann.

Behandlung von neuem Archivmaterial

Erst sollte angemerkt werden, dass wir die Blätter nicht lose aufbewahren, sondern einheften, damit die Benutzung leichter fällt und das Material nicht verunordnet werden kann.

Aus der Akte ist alles zu entfernen, was dem Archivmaterial schaden könnte und nicht zum Archivgut gehört: Metall, Gummi und Plastik

Dabei stellt sich schon die erste Frage: Was ist mit Prospekt-/Klarsichthüllen?

Plastik, besonders weichmacherhaltiges Plastik sollte unbedingt entfernt werden, da die Weichmacher austreten und dem Papier schaden

Aber wie ordnet man nun die ungelochten Papiere aus den Hüllen mit in die Ordnung der

Mappe?

dabei gibt es mehrere Lösungsansätze:

– Das Material lochen, wenn davon kein Schrifttext oder Bild betroffen ist (Wir haben uns mit aller Vehemenz gegen diese Lösung entschieden)

– Das Material in sogenannt Kartentaschen stecken, die ihrerseits gelocht sind

– Das Material mit geeignetem Kleber auf Archivkarton/-papier kleben, das dann gelocht wird (zum geeigneten Kleber später mehr)

Ebenso sollte darauf geachtet werden, dass, wenn eine Akte neben Papier auch Karton enthält, zwischen Karton und Papier Archivpapier eingefügt wird, damit der höhere Säuregehalt des Kartons nicht das Papier zusätzlich belastet.

Dann ist die Akte zu säubern. Das kann mit einem Latexschwamm und einem geeigneten Besen geschehen. Mit dem Latexschwamm kann Papier sehr gut von Staub und Schmutz gereinigt werden (auch auf handbeschriebenem Material anwendbar). Mit dem Besen kann der Staub dann abgekehrt werden. Mindestens erste und letzte Seite sollten vor dem Einordnen in die Magazine gesäubert werden.

Welche Arten von Verschmutzung findet man üblicherweise auf Papier?

– Staub

-Schimmel

Erkennung: fühlt sich weich an, Papier ist dünner und sieht sauberer aus, da die oberste Schicht abgetragen wurde, rosa-rote Stellen als Schimmelindiz, oder auch schwarze Stellen, die aber entfernt werden können

Umgang: schwarze Stellen möglichst entfernen (mit Latexschwamm und dann abbürsten), insgesamt gründlich säubern, dann in Seidenpapier einwickeln und wieder ins Magazin einlagern (stimmen dort die Klima- und Luftfeuchtigkeitsverhältnisse breitet sich der Schimmel nicht aus). Trotzdem sollte nach einem Zeitraum die Entwicklung überprüft werden

– Stockflecken: Flecken, die durch das Material des Papiers gegeben sind und bei Alterung stärker hervortreten

– Tintenfraß: an Stellen, wo die Tinte zu stark aufgetragen ist, kann sich diese ins Papier fressen, sodass es durchbrechen kann.

Anmerkung: von Benutzung von Plastik rät die Restauratorin insgesamt eher ab, selbst wenn bestimmte Prospekthüllen aus PP und PE weichmacherfrei sind. Das hat zwei Gründe: zum einen lädt sich Plastik elektrostatisch auf und kann dadurch einige Partikel (z.B. von Fotos) anziehen und so vom Material loslösen. Zum anderen schmilzt Plastik bei zu großer Hitze und Feuer zusammen und zerstört so gnadenlos das Material, das vielleicht sonst nicht so beschädigt wäre.

Am wichtigsten bei der Aufbereitung der Akten ist immer, dass vorgenommene Änderungen immer reversibel sind!

Aufbewahrung von Archivmaterial

Am geeignetsten erscheinen mir nun Jurismappen mit integriertem Schnellhefter, der aus Metall besteht, aber mit Plastik ummantelt ist

Warum Jurismappen?

Sie bieten einen Rundumschutz für das Archivgut im Gegensatz zu den Umschlagmappen, die nur Vorder- und Rückseite abdecken, wobei die Rückseite meist noch zu klein gehalten ist, um das Archivgut wirklich zu schützen

Warum Schnellhefter?

Die – von uns im Moment benutzte – Schlauchheftung bietet dem Archivmaterial keinen besonders festen Halt, außerdem wird jedes einzelne Papier in der lockeren Schnürung bei der Benutzung an der Lochung beansprucht. In einer Schnellheftung sitzt das Papier dagegen so fest, dass nicht die einzelnen Blätter beansprucht werden, sondern nur die Gesamtheit des Material.

Anmerkung: ein Nachteil der Jurismappen scheint mir aber die geringe Füllhöhe, sodass eine Akten meist geteilt aufbewahrt werden muss.

Außerdem sollte bei Akten darauf geachtet werden, dass sie alle ungefähr das gleiche Format haben. Einerseits um sie zusammen aufbewahren zu können und Bestände nicht auseinandergerissen werden müssen und andererseits – was viel wichtiger ist – damit durch verschiedene Größen einzelne Stellen nicht mehr belastet sind und so Druckstellen entstehen und die Akten sich nicht verbiegen. Werden zum Beispiel Register, die aus Plastik sind, ersetzt, sollte die Größe des neuen Registers der Blattgröße angepasst werden, damit keine unnatürliche Verformung entsteht.

Bearbeitung von Archivalien

Kleben

Zum Kleben von Rissen, oder auch zur Verstärkung von Lochungen etc. können verschiedene Klebemöglichkeiten verwendet werden, die hier vorgestellt werden:

Repatex: ist ein mit Kleister beschichtetes Japanpapier. Es funktioniert mit Feuchtigkeit. Negativ ist hierbei: 1. Dass sehr viel Feuchtigkeit verwendet werden muss, sodass sich das Papier wellt und sehr lange Trocknungszeiten nötig sind; 2. Dass es Repatex nur in vorgeschnittenen kleinen Streifen gibt und diese auch noch extrem teuer sind

Filmoplast: ist technisches Japanpapier mit Heizkleber beschichtet. Damit lässt sich wunderbar arbeiten, allerdings hat sich dieser Kleber als nicht ausreichend archivtauglich erwiesen, deshalb wird von der Benutzung abgeraten

Archibond: ist sozusagen der Nachfolger von Filmoplast.

Zelluloseklebeband: funktioniert mit Wasser, wobei da wieder die lange Trocknungszeit und das Wellen des Papiers als Malus genannt werden muss. Es eignet sich besser bei festerem Papier bzw. Karton, weil es selbst sehr stark ist.

Tylose (MH 300): ist wie ein UHU zu gebrauchen. Dieser eignet sich zum Beispiel dafür, kleine Zettel, die vorher mit Heftklammer befestigt waren, nun an die vorherige Stelle zu kleben

Insgesamt gilt beim Kleben aber doch, je weniger Feuchtigkeit desto besser!

Pläne, Karten, Zeitungen, Fotos

Insgesamt gilt immer: Gefaltetes lieber auffalten. Aber: nicht wenn es dann vom Format nicht mehr in die zugehörige Akte passt. Knicke können mit Archibond verstärkt werden

Aufgerolltes sollte immer um einen Kern von 10-12cm für bessere Stabilität aufgerollt werden. Diesen kann man selbst aus Archivkarton herstellen oder auch bei geeigneten Firmen bestellen.

Glasnegative stehend aufbewahren

Fotos besser auch nicht in Plastik, da dieses sich elektrostatisch auflädt und bei jedem Herausziehen der Fotos dann am Plastik kleine Partikel hängen bleiben können.

Aufbewahrungsort

Neben den üblichen Vorgaben, wie optimale Temperatur und Luftfeuchtigkeit, gibt es noch andere Empfehlungen, um die Aufbewahrung zu optimieren:

Archivmaterial sollte nie direkt auf und in Metall aufbewahrt werden, da das Kondenswasser schnell auf Metall absetzt und von diesem nicht aufgenommen wird, also direkt im Archivgut landet: deswegen immer zum Beispiel Archivkarton zwischen Metall und Archivgut legen. Bei Büchern ist das nicht nötig, da –wenn diese stehen – noch genug Platz zum Atmen bleibt.

Anschaffungsempfehlungen:

Archivpapier, Archivkarton

Seidenpapier

Latexschwammund Besen

Eine allgemeine Lehre aus dem Praktikum war mir folgendes:

Jedes Problem ist individuell und muss deshalb immer individuell behandelt werden, also bei jeder Maßnahme immer wieder neu überlegen, tüffteln, handwerkeln und ausprobieren, was wohl die beste Lösung ist.

Bestandserhaltung beginnt im Kopf – auch wenn man dies schon tausende Male gehört hat. Aber nicht im eigenen Kopf, sondern in den Köpfen des ganzen Archivteams. Jeder muss für seinen Bereich wissen, was das Beste für die Archivalien ist. Beim Verzeichnen – das Saubermachen, der Vermerk von Beschädigungen, beim Benutzen – die Vorsicht und Aufmerksamkeit gegenüber dem Archivgut etc.

Maria Horn

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